Es ist nicht meine erste Reise nach Budapest- wahrscheinlich auch nicht meine letzte. In den letzten zwei Jahren war ich nicht nur öfters hier, sondern auch schon in Budapest gelebt. Aber es ist immer etwas Anderes wenn man eine Stadt als Tourist erlebt, oder ob man dort wohnt.
Auch dieses Mal habe ich, um die 228 km zu überwinden, mein liebstes Reisemittel gewählt: den Zug. Ungarische Fernzüge sind, im Gegensatz zu vielen Regionalzügen, moderne, bequeme und vor allem günstige Transportmittel- besonders wenn man Student ist. In Ungarn bekommen Studenten- egal aus welcher Nation- einen Rabatt von 50% – ein Privileg, dass ich verloren habe, noch bevor ich in Deutschland legal Bier kaufen konnte.
Es stehen dem geneigten Kunden verschiedene Optionen der Fahrt zur Wahl, die sich preislich kaum, in der Dauer der Fahrt deutlich unterscheiden. Für umgerechnet keine 8€ kann man sich zwischen drei und fünf Stunden beschäftigen lassen.
Das schöne an Zugreisen im Ausland ist, dass man Menschen trifft und mit ihnen redet. In Deutschland herrscht in Zügen ja gerne eine Diskretion, die sich Post und Lidl nur wünschen können. Ich kam schnell mit einem Englischlehrer aus Pécs ins Gespräch, der auf dem Weg zu seiner Mutter in Budapest war. Wie viele Ungarn fragte auch er mich wie mir das Leben in Deutschland gefalle und vor allem wie die Arbeitssituation aussehe. Das wundert mich inzwischen schon nicht mehr, viele junge Ungarn schauen sich intensiv im Ausland um, da sie kaum Zukunft in Ungarn sehen. Insbesondere nach der Finanzkrise stehen viele Ungarn unter enormen finanziellen Druck, auch da viele Schulden im Ausland gemacht wurden, welche durch die hohe Inflation des Forints teuer geworden sind. Das Durchschnittseinkommen liegt etwa bei 800€, was aber nicht reicht um eine Familie durchzubringen, weshalb viele mehrere Jobs gleichzeitig haben. Viele Ungarn haben seit Ferenc Gyurcsány, auch noch die Hoffnung verloren, dass sich Ungarns Lage in Kürze bessern könnte. Ferenc ist der Politiker, der 2006 in einer Fraktionssitzung zugegeben hat, das er das mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt, was ihn wahrscheinlich zu einem wirklich ehrlichen Menschen macht. Leider ist die Rede in die Öffentlichkeit gedrungen, was die Unruhen von 2006 hervorgerufen hat.
Von meinem Gespräch mit dem Englischlehrer abgelenkt kam ich pünktlich an dem wunderschönen Keleti Palyaudvar, dem Ostbahnhof von Budapest an. Der Bahnhof wurde 1881 als damals modernster Bahnhof Europas gebaut und ist, seitdem er in den 80´gern renoviert wurde ein wirklich passabler Bahnhof in Budapest, der Berühmtheit erworben hat, dadurch dass er Sarah Connor, einer Sängerin aus Niedersachsen, bei einem ihrer Videoclips als Kulisse diente.
In Budapest angekommen traf ich mich gleich mit Freunden, die über die Herbstferien in Budapest sind. Geführt von einer gemeinsamen Freundin, die in Budapest geboren, jetzt in Hannover lebt, wollen sie Budapest erkunden. Da unsere einheimische Stadtführerin Angehörige besuchen war, traf ich mich mit den beiden Besuchern aus Hannover an der Elisabeth Brücke, der unattraktivsten aller Budapester Brücken. Um den unromantischen Treffpunkt wettzumachen fuhren wir mit der Metro, ich hatte mich verlaufen, was ich aber nicht zugeben wollte, so tat ich als wollte ich sie so oder so nutzen, zur Kettenbrücke. Diese, Budapests älteste und vor allem schönste Brücke hat eine kleine Sage, die sich um die vier Löwen, die die Brücke schmücken windet. Der Ingenieur hatte 1839, als er die Brücke begann, versprochen dass es eine perfekte Brücke wird. Nach der Fertigstellung soll er sich dann aber voller Gram von der Brücke gestürzt haben, da er feststellen musste, dass die Löwen ohne Zungen auskommen mussten. Ob er wirklich schwimmen gegangen ist, ist unbekannt, doch wenn dem so ist, so wartete er damit bis in sein Todesjahr 1852- drei Jahre nach Fertigstellung. Der Pionier der Kettenbrücken ging zunächst zurück nach England. Er baute keine neue Brücken mehr. Irgendwie scheint die Brücke aber etwas in sich zu haben, der Auftraggeber, Graf István Szétenyi, wurde noch vor Fertigstellung in eine Wiener Nervenheilanstalt eingewiesen. Ob das mit der Brücke zusammenhängt ist nicht sicher, aber plausibel, so musste der Graf über 2000 Tonnen Stahl für den Bau zusammen zu tragen. Aber immerhin hat er es geschafft, dass eine Brücke nach einem Verrückten benannt wurde. Der ungarische Name ist Szétenyi Lánhid.
Nach einem kurzen Besuch bei den Zungenlosen gingen wir zu der, von Touristen geliebten Markthalle, wo wir zu Mittag aßen. Das Essen ist wirklich nicht nennenswert, mehr schon die Tatsache, dass die, Ende des 19. Jahrhundert gebaute Markthalle mit einer Fassade versehen ist, dessen Steine in der- inzwischen geschlossenen-Porzellanmanufaktur aus Pécs gebaut wurde. Ob das der Grund ist, warum die Manufaktur Pécs großer Stolz ist oder einfach die Tatsache, dass es mal eine Fabrik in Pécs gab, ist heute nicht mehr zu beantworten.
Nach dem kleinen Imbiss machte ich mich erst einmal auf den Weg zu meiner Jugendherberge, in der ich für die nächsten zwei Nachte bleiben wollte. Sie liegt gut erreichbar am Keleti Palyaudvar und ist wie viele ungarische Jugendherbergen etwas unorganisiert, immer etwas zu voll und mit herrlich unkomplizierten Herbergsleitern ausgerüstet. Anders als diese deutschen Jugendherbergen, die steril wie eine Intensivstation im Krankenhaus von Leuten geleitet werden, die deprimierend professionell sind. Solche Dinger haben dann zwar alle möglichen Extras wie Lampen, warmes Wasser und auch mal Klobrillen, nicht unbedingt ein Muss in ungarischen Hostels, dafür aber auch so viel Charme wie ein IKEA-Blumentopf.
Da ich spät dran war, fuhr ich mit der Metro, der U-Bahn in Budapest, zur Dohany Utca, wo ein Simcha Thora Gottesdienst stattfand, ein Fest bei dem es grob darum geht, dass man die Thora -“Alte Testament“- durchgelesen hat und jetzt von Vorne anfangen kann. Die U-Bahn ist die zweitälteste in Europa, sie ist grade mal 33 Jahre jünger als die London Underground, worauf sich die Briten aber gehörig was einbilden und wurde 1896 eingeweiht. Interessanter Weise war ein wesentlicher Bestandteil der Realisierung die Tatsache, dass man im gleichen Jahr die Milleniumsfeier am Heldenplatz feiern wollte. Dieser wurde auch zu diesem Zweck gebaut, wie viele andere Plätze in Ungarn. Die Ungarn haben sich das Fest wirklich was kosten lassen und da sie keine Ahnung hatte, wie man die Leute anders an den Veranstaltungsort bringen sollte, haben sie halt mal eine Untergrundbahn gebaut. Die 4,2 km unter der prachtvollen Andrasi Utca wurden von 2000 Arbeitern in zwei Jahren ausgehoben, was ich, in Anbetracht der Abwesenheit von Bagger und Co für eine beachtliche Leistung halte. Für den Bau wurde kein Tunnel gebuddelt, sondern ein Graben, welcher später ein Dach bekam, was die Tiefe von knapp drei Metern erklärt.
Wem der Zweck der Bahn als verschwenderisch vorkommt, kann sich beruhigen, die Bahn wird auch heute noch täglich von mehr als 100.000 Leuten befahren.
Der Rest des bis zu 60 Meter tief liegenden Untergrundsystems wurde erst ab 1950 ergänzt, mit Hilfe der Sowjetunion, weshalb versucht wurde den Prunk russischer U-Bahnen nachzubauen. Trotzdem erreichen sie die Millieniumsbahn in ihrer Schönheit nicht, bei der jede Station ein eigenes, farbenfrohes Meisterwerk ist. Was aber das wirklich Beeindruckende im gesamten Tunnelsystem ist, ist die Tatsache dass die Bahnen im 90 Sekundentakt fahren, um dann um 23:10 Uhr komplett zum stehen zu kommen- etwas was ich für eine Weltstadt wie Budapest reichlich überholt finde.
Mit den bis zu 70 km/h schnellen Zügen war ich schnell an der Synagoge an der Dohany Straße, welche auch den schönen Namen „Tabac-Schul“ Trägt – Dohany ist das ungarische Wort für Tabak. Die, mit ihren 3000 Sitzen weltweit zweitgrößte Synagoge war mit grade nicht mal zu einem Viertel gefüllt, hauptsächlich mit Israelis. Es ging zu wie in einer Bahnhofshalle. Die Veranstaltung vorne fand wenig bis keine Beachtung, obwohl der Kantor enorm laut und in Begleitung eines Chors und einer Orgel sang. Die Orgel ist etwas an das ich mich nicht gewöhnen kann, was die Synagoge aber auch so besonders macht. Die Synagoge wurde 1854-59 gebaut von einer nahezu reformen Strömung, die typisch für Ungarn ist, und sich Neolog nennt. Sie sind irgendwo zwischen Konservativ und Orthodox, und scheinbar sehr populär in Ungarn.
Da Simcha Tora (die Freude der Thora) war wurden alle Thorarollen von allen anwesenden -Männern- sieben mal um den Gebetsraum getragen, da es viele waren dauerte es doch einige Zeit. Die umstehenden -Frauen- Küssten die Thorarollen, aber irgendwie mehr aus Gewohnheit, weniger aus Freude, wie ich es in meiner Synagoge kenne. Auch wurde nicht mit den Rollen getanzt, viel mehr erinnerte es mich an einen dieser Umzüge in Bayern an Totensonntag. Alles in allem hatte es nicht viel mit simcha, mit Freude zu tun.
Am Abend bin ich aber doch noch zu meiner Feier gekommen, in einem kleinen Club in dem eine Band traditionelle jüdische Lieder zu Reggae, Jazz und Tango umkomponiert hatten. Zusammen mit Hippies, linken und eventuell auch einigen Juden mal richtig kosher abzuhotten tat mir dann doch mal recht gut. Da die Party länger als bis 11 Uhr ging, mussten ich natürlich zu Fuß nach Hause laufen…
Am nächsten Morgen machten sich meine Freunde auf, um ins Széchenyi-Bad, einem der Heilbäder in Budapest zu gehen. Das im Neobarock gehaltene Heilbad im Milleniumpark ist wirklich wunderschön und sehenswert, wenn man auf kleine Türmchen und unendlichen Verzierungen besonderen Wert legt. Ich war bei einem früheren Besuch in Budapest schon mal dort gewesen und habe das Obligatorische getan; den dicken, viel zu wenig bekleideten Männern zugeschaut wie sie im warmen Wasser sitzend Schach spielten, habe in 40°C heißen Wasser gehockt und festgestellt, dass das auf die Dauer gar nicht gut ist. Daher bin ich dann in den Budapester Zoo gegangen. An diesem bin ich wohl schon einige hundert mal vorbeigegangen, er lag auf meinem „Schulweg“, ich bin aber noch nie reingegangen. Der Zoo ist von der Zahl und der Unterbringung der Tiere überschaubar und überaus durchschnittlich, architektonisch aber teilweise sehr schön. Besonders das Vogelaus aus dem Anfang des 20 Jahrhunderts ist äußerst sehenswert, es faszinierte mich aber auch auf eine andere Weise, in dem ich endlich erfuhr, wie die Bewohner unseres Unischwimmbad auf schlau heißen; Blatta orientalis. Auch konnte ich mich mit stiller Freude auf ein Schlangenbiss freuen. Einers der Terrarien, das für eine giftige, kleine grüne Schlange gedacht war, war offen und faszinierend leer. Jetzt erwartete ich, der bis jetzt vollkommen zu unrecht entspannt durch den künstlichen, grünen Urwald gelaufen war, dass sich jederzeit eine Schlange um meine Füße windet und einen tödlichen Biss abgibt. Im Nachhinein betrachtet ist es wohl doch wahrscheinlicher, dass die Schlange nur auf Urlaub war, damit jemand mal feucht durchwischen kann, ohne dass die Raten für die Lebensversicherung in ungeahnte Höhen schießt.
Vom Moskvár ter, er wurde 1951 in Folge des russischen Regimes willkürlich so genannt, den meine Hannoverschen Freunde und ich als Treffpunkt vereinbart hatten, gingen wir auf die Burg, um uns Budapest von oben anzuschauen. Die Ersten Gebäude der Burg wurden um 1300 gebaut, der größte Teil wurde seitdem immer wieder erneuert und umgebaut, vor allem nachdem die Burg bei den Kämpfen zwischen Herzog Karl V. und den Türken 1686 weitestgehend zerstört wurde. Auch später wurde die Burg immer wieder umgebaut und erweitert, zuletzt bis 1903 – so ist eine hübsche Sammlung von teilweise wunderschönen Gebäuden an dem Berg am Donauufer versammelt. Man kann eine schöne Zeit verbringen, auf das belebte Pest auf der anderen Flussseite zu schauen, oder einfach durch die teilweise aus dem Mittelalter erhaltenen Gassen zu gehen, um dann um die Ecke zu biegen und eine andere, atemberaubende Aussicht auf die Donau zu haben.
Leider ist die Burg auch bei Hotels sehr beliebt, einige davon haben einen viel zu guten Namen, als dass sie auf den guten Geschmack achten müssen. So kommt es dass die Burg nicht nur die schönsten, sondern auch die hässlichsten Bauten in ganz Budapest beherbergt.
Inzwischen bin ich wieder zuhause, habe die Notizen aus meinem kleinen Buch, dass ich mir extra für Aufzeichnungen auf Reisen mitgenommen habe abgetippt, nicht ohne sie vorher noch etwas zu ergänzen- wie man an der Länge des Eintrags sehen kann. Bevor ich aber zurück ins gemütlich, wenn auch leider herbstlich verregnete und kalte Pécs zurückkehren konnte hat sich die staatliche Eisenbahngesellschaft MAV noch ein kleines Spiel ausgedacht- es nennt sich „Such den Zug“. Es wind vorzugsweise mit über 15 kg Gepäck und in Laufschritt gespielt. Hier sind die Regeln:
- Begib Dich zum Keleti Palyaudvar!
- Such Dir einen Zug aus, schau auf der Anzeige von welchem Gleis er fährt, gehe zum entsprechenden Gleis!
- Stelle fest, dass der gewünschte Zug hier nicht fährt!
- Gehe zurück zur Anzeige, stelle fest dass das Gleis sich geändert hat und gehe zum (neuen) Gleis!
- Siehe 3.
- Wiederhole das einige male bis Du keine Lust mehr hast, steig in den Zug, akzeptiere dein Ziel und
- versuch von dort aus dahin zu kommen, wo du ursprünglich hin wolltest.
- (empfohlen) versuch dir dort ein schönes Leben zu machen.
Das Spiel ist ein Muss für alle echten Weltenbummler, für Spieler über 100 Jahre aber ungeeignet.
Ich hatte Glück und setzte auf das richtige Gleis- eigentlich folgte ich jemandem der auch nach Pécs wollte und so aussah als ob ein erfahrenen Spieler sei. Daher könnt ihr diese Zeilen nun lesen und ich kann mich wieder der Physiologie widmen.
Liebe grüße aus Pécs – wie leicht hätte es Tatabanya sein können – an euch alle!
Was ihr so schreibt...